Dezember 2020

Es geht aufwärts an der Burg

Die Oebisfelder Burg gilt als die älteste noch erhaltene Sumpfburg Europas. Sie wurde vermutlich bereits im 10. Jahrhundert angelegt, um Land und Bevölkerung diesseits des Drömlings gegen Feinde zu sichern und diente gleichzeitig als Schutzburg einer wichtigen Handelsstraße. Nach dem stetigen Verfall der Anlage begannen 1991 mit Unterstützung der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ und des Landes Sachsen-Anhalt die Rekonstruktionsarbeiten an der historischen Anlage. Das Hauptaugenmerk lag dabei beim Wiederaufbau des zwischen Hauptgebäude und dem ehemaligen Wohnhaus befindlichen Verbinders. Hier befinden sich jetzt ein attraktiver Ratssitzungssaal und die Sanitärräume für den ebenfalls renovierten Rittersaal, der für Veranstaltungen aller Art und als Trauzimmer zur Verfügung steht. Wer für private Feiern geeignete Räume sucht, kann auch den Rittersaal (bis 140 Personen) oder den Kulturraum in der Burg (bis 30 Personen) mieten.

Die Oebisfelder Burg entwickelte sich im Laufe der Zeit zum kulturellen Mittelpunkt der Stadt entwickelt. Auf den neu gestalteten Burghöfen werden Märkte veranstaltet, finden Konzerte statt. Zu nennen ist hier das traditionelle Altstadtfest, das jährlich mit einem Mittelalterspektakel viele Besucher aus nah und fern anlockt. Der Oebisfelder Heimatverein hat mit viel Eigeninitiative, aber auch durch finanzielle Zuwendungen von Stadt, Landkreis und Land, in den Räumen des ehemaligen Gesindehauses ein attraktives Burg- und Heimatmuseum geschaffen. Das Museum bietet thematische Ausstellungen. Die ständig wechselnden Expositionen stellen meist die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner dar.

Doch wer denkt, auf diesem malerischen Areal ist mit der Zeit Stillstand eingezogen, der irrt. Um das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt Oebisfelde für den Tourismus, aber auch für eigene öffentliche Zwecke aufzuwerten, nahm man 2015 umfangreiche Entwicklungskonzept in Angriff. Eine der wichtigsten Baumaßnahmen war die Installation eines Fahrstuhls. Diese Transportmöglichkeit ermöglicht es Besuchern, den Rittersaal auf der dritten Ebene barrierefrei zu erreichen. Die Burg und auch die nun behindertengerechten sanitären Einrichtungen sind nunmehr für alle Personengruppen ohne größer Anstrengungen zu erreichen.

Eine große Hürde stellt der Denkmalschutz dar. Im Interesse des Gesamtbildes des Ensembles mussten Auflagen erfüllt werden. Und es ist gelungen: Der sogar beheizbare Fahrstuhl passt optisch in das Ambiente des großen Burghofes und erhielt eine mit dem Denkmalschutz abgestimmte Holzverkleidung. Die gesamte Investitionen zur Verbesserung der Präsentation und nachhaltigen Nutzung des kulturellen Erbes im Land Sachsen-Anhalts war mit etwas mehr als 363.800 Euro veranschlagt. Das Vorhaben erhielt eine 90-prozentige Förderung aus dem „EFRE-Topf“. Dank dieser Förderung muss die Stadt lediglich 36.380 Euro zuzahlen. Ein wahrer „Sechser im Lotto”...

Der Traum vom Trauzimmer

Umrahmt von Drömling, Colbitz-Letzlinger Heide und dem Flechtinger Höhenzug liegt das Örtchen Dorst, das seit 2010 zur Gemeinde Calvörde gehört. Ortsteilbeauftragter Manfred Franke sieht seinen Heimatort – nach der Wende als Heidedorf aufgenommen – als Bindeglied zwischen Colbitz-Letzlinger Heide und dem Drömling. Abgesehen von der Natur, die das aus wenigen Häusern bestehende Örtchen umgibt, wartet Dorst auch mit einem kulturellen Kleinod auf. Das Schloss Dorst, nach Aussage von Manfred Franke eher ein Gutshaus, wurde 1922 errichtet und steht heute unter Denkmalschutz.

Bereits 1863 war an gleicher Stelle im Ortskern ein Gutshaus erbaut worden. Das heutige Gebäude, das unter den Gutsbesitzern Paul und Margarete Fischer entstanden war, besteht aus zwei Geschossen und beeindruckt mit seiner Klinkerarchitektur. Die Rundtürme fallen ebenso ins Auge wie die Auffahrtrampe samt Treppe und die schmückenden Figuren – allein am Ansatz des Mansarddachs sind sechs Skulpturen zu sehen, die die Arbeit auf dem Lande symbolisieren, weitere zieren die Lampen zu beiden Seiten der Treppe. Auch im Inneren des Schlosses, das nach der Enteignung der Gutsbesitzer 1945 geplündert worden war, gibt es vieles zu entdecken – von der mit gotischen Elementen versehenen Eingangshalle bis hin zu den Farbfenstern und dem großzügig ausgebauten Herrenzimmer.

Die Interessengemeinschaft Dorst hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Herrenzimmer in seinem ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Viel ehrenamtliche Arbeit wurde investiert, um dieses Ziel zu erreichen. „Die Dorster haben mit angepackt“, schildert Manfred Franke. „Etliches konnten wir selbst erledigen, wie beispielsweise den alten PVC-Belag samt Pappe und Filz von den Holzdielen entfernen. Die Aufarbeitung des Parketts hat dann eine Fachfirma aus Magdeburg übernommen. Finanziell haben uns dabei die kommunale Gemeinde und die Kirchengemeinde unterstützt.“ Der Raum soll im sanierten Zustand Höhepunkt von Führungen sein, die derzeit aufgrund der Corona-bedingten Maßnahmen leider nicht stattfinden. Auch kulturelle Veranstaltungen kann sich Manfred Franke im Herrenzimmer vorstellen. „Ideal wären die Räumlichkeiten auch für Trauungen. Bis wir das umsetzen können, muss allerdings noch einiges getan werden.“

Viel getan hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur dank der ehrenamtlichen Arbeit im Inneren des Gebäudes. Im Rahmen der LEADER-Förderung wurde 2018 beispielsweise die Fassade des Gutshauses instand gesetzt. Und auf der Prioritätenliste 2021 steht ein weiteres LEADER-gefördertes Projekt, das die Sanierung der Parkanlage vorsieht. Und so geht es stetig voran in Dorst.

Auf dem Weg: UNESCO-Biosphärenreservat Drömling

Eine reizvolle naturnahe Kulturlandschaft mit einem stetigen Wechsel von Gräben, Äckern, Wiesen und unzähligen Baumreihen und Hecken ist der Drömling. Das 340 Quadratkilometer große und nur wenig besiedelte Gebiet an der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt durchziehen 1.725 Kilometer Wasserläufe. Kein Wunder, das es den Beinamen „Land der tausend Gräben“ bekam. Hier finden eine Vielzahl seltener und vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten zum Teil einen letzten Überlebensraum. Der größere sachsen-anhaltische Teil im Osten war ab 1990 ein Naturpark und ist seit 2019 ein nationales Biosphärenreservat.

Schon vor der Wende gab es Kontakte zwischen der Fördergemeinschaft Drömling im Osten und der Arbeitsgemeinschaft Drömling im Westen, die nach der Grenzöffnung schnell vertieft wurden und zur Gründung des länderübergreifenden Vereins „Aktion Drömlingschutz“ führten. 2012 wurde die gemeinsame Vision eines länderübergreifenden Biosphärenreservates aufgegriffen. Dies geschah einerseits von amtlicher Seite mit dem Bestreben, die langjährige gute Zusammenarbeit bei der Umsetzung der vielen Naturschutzmaßnahmen und vor allem des gemeinsamen Wassermanagements fortzusetzen. Nach dem Abschluss der Naturschutzgroßprojekte in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen reifte auf der Drömlingskonferenz 2013 der Gedanke, die erfolgreiche Zusammenarbeit mit einem länder-übergreifenden Biosphärenreservat weiterzuführen und die Region durch eine UNESCO-Anerkennung bekannter zu machen.

Auf der Grundlage des gemeinsamen Kabinettsbeschlusses der beiden Landesregierungen vom März 2014 begann ein umfangreicher Diskussionsprozess mit den Kommunen und ihren politischen Vertretern sowie mit Verbänden, Vereinen und Bürgern. Im Ergebnis wurde im April 2016 das „Eckpunktepapier - Auf dem Weg zum Biosphärenreservat Drömling“ als gemeinsame Willensbekundung der Region erarbeitet. Darin sind die wesentlichen Inhalte und Ziele, die notwendigen Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und das beabsichtigte Vorgehen dargestellt und erläutert. Auf dessen Grundlage erfolgte 2016 die Abfrage der am UNESCO-Biosphärenreservat Drömling beteiligten Kommunen in beiden Bundesländern, welche bis Anfang 2017 alle ein positives Votum zur Entwicklung zum Biosphärenreservat abgaben.
In Sachsen-Anhalt leitete man im Oktober 2018 das öffentliche Beteiligungsverfahren zur Verordnung über das Biosphärenreservat Drömling Sachsen-Anhalt ein. Die 45 eingegangenen Stellungnahmen, von denen keine eine grundlegende Ablehnung des Biosphärenreservates beinhalte, wurden in der verfahrensführenden Behörde, dem Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie des Landes Sachsen-Anhalt, bearbeitet. Die Verordnung wurde im Juni 2019 veröffentlicht. Außerdem wurde der Abschluss einer Verwaltungsvereinbarung zwischen beiden Bundesländern und die Erarbeitung des gemeinsamen Antrages auf UNESCO-Anerkennung unterzeichnet. 2021 ist mit der Anerkennung des Drömlings als UNESCO-Biospärenreservat zu rechnen.

Natur kennt eben keine Grenzen: Das länderübergreifende Biosphärenreservat (BR) Drömling soll eine Größe von 38.500 Hektar umfassen. Sachsen-Anhalts Anteil beträgt 34.000 Hektar und beinhaltet Gebiete der Einheitsgemeinden Stadt Klötze und Hansestadt Gardelegen im Altmarkkreis Salzwedel und Gebiete der Einheitsgemeinden der Stadt Oebisfelde-Weferlingen und der Stadt Haldensleben sowie der Gemeinde Calvörde in der Verbandsgemeinde Flechtingen im Landkreis Börde. Die Fläche in Niedersachsen umfasst 4.500 Hektar in den Landkreisen Gifhorn und Helmstedt sowie der Stadt Wolfsburg.

Als neue inhaltliche Qualität ist das Miteinander von Mensch und Natur, gemäß den UNESCO-Kriterien für Biosphärenreservate, explizit benannt. Über den Natur- und Landschaftsschutz hinaus sollen gemeinsam mit den im Drömling lebenden Menschen nachhaltige Nutzungen und regionale Wertschöpfungsketten in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen gefördert werden und die kulturelle Identität gestärkt werden. ­
www.biosphaerenreservat-droemling.de